Oktober-Spiegler

15.01.2009 20:35 | Teamberichte

Es ist Freitag, der 16. Oktober, und der Wind bläst mir stürmisch ins Gesicht, als ich am Ufer unseres kleinen Baggersees stehe. Noch zwei Stunden, dann wollen meine Team-Kollegen Micha und Sebastian am See eintreffen. Mir bleibt also noch Zeit, schon einmal mein Camp aufzubauen, um mich dann nach Ankunft meiner Kollegen um sie zu kümmern. Am frühen Abend muss ich sie verlassen für einige Stunden, weil mich elterliche Verpflichtungen zu einem kürzlich anberaumten Elternabend zwingen. Bis dahin sollen die Jungs über den See gebracht sein, die Camps stehen und die Stelleneinweisung erfolgt sein, damit ich sie, als verantwortungsbewusster Gastgeber, für ein paar Stunden alleine lassen kann.

Ich hieve das seltsam schwere Pioneer ins Wasser, bringe E-Motor an und wuchte die 40 kg Gel-Batterie in das Boot. Der starke Gegenwind machte es mir schwer, aus dem Krautgürtel vor der Anlegestelle herauszukommen, ohne gleich das halbe Krautfeld wie Spaghetti um die Schraube zu wickeln. Dabei stelle ich erstens fest, dass der Bootskörper durch ein kleines Loch im Rumpf voll Wasser gelaufen ist, und zweitens die Batterie schlapp macht. Mein ganzes Tackle habe ich schon zu den Booten gerobbt, und immer wieder aufkommende Schauer lassen mich in Hektik ausbrechen, denn ich baue nur sehr ungern meine Klamotten auf, wenn sie durchnässt sind. OK, Batterie wieder raus, das zweite Boot getestet, welches erfreulicherweise nicht halb absäuft, Rucksack und anders Nässe-Empfindliches notdürftig mit Abhakmatte und Wiegesack abgedeckt und schnell zum Kollegen Markus gefahren, der mir glücklicherweise seine (volle) Batterie ausleiht.
Als zwei Stunden später endlich mein Zelt steht, welches ich mit Ach und Krach trockenen Fußes aufbauen konnte, klingelt schon das Handy, und Micha und Sebastian aus Hamm stehen an der Toreinfahrt zum See und zanken sich über Sebastians Trägheit beim Konvoi fahren, wobei man bei einigen hundert Metern Abstand wohl kaum von „Konvoi“ sprechen kann, wie Micha entnervt betont.
Geplant war, auf weitere Distanzen zu fischen, da sich die erfolgversprechenden spots des ca.11 ha großen Sees überwiegend auf der anderen Uferseite befinden. Der Sturm macht uns aber einen Strich durch die Rechnung, so dass ich nur ein paar features mit den Kollegen abfahren kann, und wir beschließen, die erste Nacht mehr oder weniger vor den Füßen zu fischen, um dann am nächsten Morgen richtig loszulegen.
So richtig optimistisch bin ich nicht, was den möglichen Fangerfolg angeht, denn kurz zuvor hat der erste herbstliche Temperatursturz eingesetzt, worauf die geschuppten Objekte der Begierde erfahrungsgemäß mit Nahrungsverweigerung reagieren. Als Gastgeber möchte man natürlich das Beste für die Gäste, und da es immer besser ist, ohne große Erwartungen Erfolg zu haben, als durch zu große Erwartungen enttäuscht zu werden, bereite ich die beiden auf eine nette und unterhaltsame Session vor - nur wahrscheinlich ohne Fisch.
Als ich gegen 21 Uhr wiederkomme, sitzen die beiden Kollegen im Zelt, um sich vor dem eisig wirkenden Wind zu schützen, und trinken irgendeinen heißen Chemie-Cocktail, der auf seinem Behältnis als „Glühwein“ bezeichnet wird. Die beiden haben die Stellen ausgelost, vermeintlich zum Nachteil von Sebastian, der nur vor die Füße schmeißen kann, weil sich das Boot im Dunkeln und bei diesem Sturm kaum lenken lässt, und seine Distanz-spots somit unerreichbar sind. Während Micha das Glück hat, die erfolgversprechenden Stellen bei Rückenwind anwerfen zu können.
Ich selbst bringe meine Ruten erst gar nicht raus, denn mein nahester spot liegt auf 240 Meter Entfernung, der entfernteste auf 350 Meter.  Macht nix. Da ich diesen See seit Jahren befische und jeden Fisch mit Vor- und Zunamen anspreche, kann ich damit leben, eine Nacht ohne Chancen zu bleiben. Wir haben ja noch 2 Tage vor uns.
Der vermeintlich Benachteiligte, dessen Ungehaltensein wohl daraus resultiert, dass er die letzten 10 Auslosungen um die bessere Stelle beim Fischen mit Micha verloren hatte, sagt zum Trost erheblich dem Glühwein zu - in Erwartung einer durchzuschlafenden Nacht.
Sebastian hat seine Ruten mit Active-Liver-Spice in der Mikrowellen-Version am Stringer einfach vor die diesseitige Uferbank ins Tiefe geschmissen, und rechnet mit "Überhaupt-Gaanix".
Nach nettem Bivvie-Talk geht es auf die Liege, um auch ja ausgeschlafen zu sein, wenn es im Morgengrauen zur Sache geht. Ich habe den ganzen Tag über kaum was gegessen – es gab Wichtigeres zu tun – und spüre schon ein saures Aufstoßen aus der Magengegend, offensichtlich verursacht vom Weizenbier gemischt mit zwei Bechern Pflanzenschutzmittel (oder was in dieser roten Flasche drin war).
Ich höre noch Michas „Lübke, Lüübkeee“, Antwort: “rattzephyy, gunz grunz, rattzephyy, rassel, rassel“, als Sebastian Lübke’s Pieper sein Lied anstimmt. Es läutet und läutet, aber nichts tut sich. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und stehe kurz danach in langer, heller Unterhose storchenbeinig an Sebastians Rod Pod und versuche den fliehenden Fisch zu halten. Kalter Wind streicht mir um die Waden(und höher ;-)), denn ich war nicht davon ausgegangen, diese Nacht aus dem Zelt spurten zu müssen, ohne mir vorher die Hose überstreifen zu können. Irgendwann übergebe ich dem völlig verdutzten Sebastian die Rute, der mit einem „ich habe mit nichts gerechnet, ich habe mit nichts gerechnet“ das Überhören der Funke neben seinem Ohr zu rechtfertigen sucht.
Kurz darauf kann er den ersten Fisch der Session, einen 30 pfündigen Spiegler, auf den Armen halten. Allgemein hebt sich die Stimmung im Camp. Puhhh, sie beißen doch. Der Bann ist gebrochen. Jetzt ist alles offen. An diesem See bleibt ein Karpfen selten allein. Entweder mehrere, oder gar keiner, so kenne ich es. Und ich erinnere mich an satte blanks nach Temperaturstürzen in den letzten Jahren.
Micha wird ein wenig unruhig. Er liegt ja an den besseren Stellen (wie man dachte).
Ich hingegen freue mich einfach nur, dass ich schon mal einem der Kollegen zu seinem „Spiegler-Erlebnis“ verhelfen konnte. Das manische Verhältnis zu den dominant auftretenden Schuppis in der Hausstrecke des Datteln-Hamm-Kanals meiner beiden Teamkollegen spiegelt sich im Strahlen auf Sebastians Gesicht. Endlich mal wieder, und so unverhofft, einen Spiegler in die Kamera zu halten!!
Um 4 Uhr morgens geht dann alles schneller. Es piept nur kurz, und schon steht Sebastian mit der Rute in der Hand am Ufer. Wieder im Tiefen, und wieder auf Avtive-Liver-Spice. Schnell in Erinnerungs-Foto vom 24er Spiegel, und ab auf die Liege. Die Laune ist gut, somit schlummere ich zufrieden ein.
Einige Stunden später, es ist schon hell, freue ich mich auf meine ganz persönliche Lieblingszeit am Wasser: der morgendliche Kaffee. Draußen auf dem See spiegeln sich die ersten Sonnenstrahlen in den nun kleinen Wellen. Der Himmel zeigt sich heiter und ich stelle die Kanne auf den Kocher. In diesem Augenblick werde ich mir meiner Kopfschmerzen gewahr, die noch moderat, aber doch irgendwie zunehmend sind.
Egal – nachdem es schon unflätige Bemerkungen seitens der Geschäftsführung von Selfmade-Baits gegeben hat, die, unter Bezugnahme auf das nicht in See stechen am Abend vorher, von Wessi-Weicheiern und Ähnlichem handelten, heisst es nun: Ruten raus. Weiter motiviert, dass sich in meiner Bucht, an deren Ufern ich fischen will, schon ein, zwei Karpfen an der Oberfläche gezeigt haben. Die erste Rute kommt auf etwa 10 Meter Tiefe, beködert mit einem halben, in Bloodworm Liquid gesoackten Natural-X kombiniert mit einem halben, weißen Mussel-X Popper critical balanced. Die nächste Rute soll auf dem am weitest entferntesten spot mit 320 Metern abgelegt werden.Diese liegt dann in rd. 5 Meter Tiefe auf einem weit in den See hineinragenden Kies-Grat als Schneemann aus einem Mussel-X Sinker mit einem weißen Popper der gleichen Sorte. Beide Montagen werden zusammen mit wenigen Händen halbierter Boilies ausgebracht.
In guter Laune, nur getrübt durch die stärker werdenden Kopfschmerzen und der sauren Erinnerung an die „Glühwein“ Becher des Vorabends, die mir immer wieder den Hals hochkriecht, schwebe ich mit leise surrendem E-Motor dem Camp entgegen. Etwa 60 Meter vor dem Ufer macht mich irgendwie die Rollenspule nervös. Blitzte da nicht gerade Metall? Unter der Schnur? Etwa 30 Meter weiter wird mir klar, dass ich es nicht bis zum Ufer schaffen werde. Ich Hornochse habe die Rolle nicht komplett aufgefüllt nach längerer Nutzung an anderen Gewässern. Da stehe ich nun auf dem Boot, keine 5 Meter vom Rod-Pod entfernt, mit komplett gespannter Schnur. Mein Schädel fängt nun richtig an zu hämmern, und zwar im Rhythmus der Kurbelumdrehungen, mit denen ich die 300 Meter wieder aufwickle. Kurz darauf platziere ich diese Rute an den etwas näher liegenden 3. spot, auf etwa 3 Meter Tiefe. Die dritte Rute kommt dann auf den Kies-Rücken, und bleibt auch dort, weil die Rolle ausreichend Schnur aufweist.
Dann ist Micha dran. Akkurat in einer großen, freigefressenen Lücke inmitten des Krauts auf Sicht abgelegt, lockt ein Pineapple Popper in ca. 3 Meter Tiefe. Ein Platz, der mir schon oft gute Fische gebracht hat. Hier liegen Blocksteine oder alter Bauschutt locker verstreut auf Grund, allerdings ohne allzu hängerträchtig zu sein. Wir steigen gerade aus dem Boot aus, während Michas zweite Rute bereits mit Liver-Spice bestückt in der Nähe eines versunkenen Baumes seiner Dinger harrt, als uns ein fröhliches „Ich hab’ einen!“ aus der Richtung von Sebastians Rod Pod entgegenschallt. „Hatta schon wieder einen an der Leine …“. Nach einem performanten Drill, der Karpfen wiegt 27 Pfund, geht es an die Abhakmatte und vor die Kamera. Der nächste Spiegler auf Sebastians Raritätenliste.
Mein Weg führt mich erst mal nach Hause. Die Kopfschmerzen wollten nicht von mir lassen, im Gegenteil, sie verstärkten sich, und ich sehne mich nach einer Ibu 800. Durch die Kopfschmerztabletten gegen das nervige Übel in der großen Warze auf dem Hals immunisiert, komme ich am späten Nachmittag wieder an den See, ohne dass Micha und Sebastian mir von weiteren Aktionen berichten können. Meinem Vorschlag folgend legen wir Sebastians Montage am gegenüberliegenden Ufer an einem der Dauer-Hot-Spots des Sees in etwa 2,5 Meter Wassertiefe mit dem Boot ab. Ein Liver-Spice als Sinker erfreut sich der Begleitung durch mehrere am Stringer aufgereihte Artgenossen, und wartet nun auf einer ufernahen Blocksteinhalde auf die spannende Begegnung mit einem der Großschuppenträger des Sees.
Bereits im Dunkeln und etwa zwei Stunden später sitzen wir um den Kocher und heizen dem sogenannten „Glühwein“ ein (hoffentlich explodiert das Zeug nicht, wenn man es zu sehr erhitzt), dessen letzte Reste meine Kollegen völlig schmerzfrei vom Angelplatz entfernen wollen, allerdings und vernünftigerweise ohne mich - wenn man mal von einem winzigen halben Becherchen absieht.
Nachdem die Gesprächsinhalte sich über den Tag überwiegend um Carp-Stories und andere Verrücktheiten, die das Leben so zu bieten hat, strategische Vorgehensweisen zur Verbesserung von Fangchancen und, als Mitglieder im Team von Selfmade-Baits, strategische Vorgehensweisen zur Verbesserung der Geschäftspolitik gedreht haben, kommt das Thema Tages-Politik aufs Parkett. Offenbar bin ich auf an diesem Thema Interessierte gestoßen, so dass sich eine spannende, laute und interessante Diskussion entwickelt. Um ehrlich zu sein, bei vielen Carp-Sessions vermisse ich das Thema. Man quatscht den ganzen Tag ohne Unterbrechung über Dinge, die natürlich weit wichtiger sind als Klimawandel oder wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, aber wenn es mal ein paar Stunden auch um Letztgenanntes geht, ist mir das willkommen, weil ich mich seit je her auch für solche Themen interessiere.
Allerdings wird dieses mitreißende Gespräch von der immer wieder aus dem Nichts auftauchenden Frage „Geht noch was?“ auf den Boden der Tatsachen geholt: die Bissanzeiger haben den ganzen Nachmittag und Abend über geschwiegen. Klar, ist auch saukalt geworden, trotz heiterem Wetter tagsüber. Wir bewegen uns bei etwa 5 Grad Celsius und unter klarem Himmel. Konnte ja nicht gut gehen. Schade, insbesondere hätte ich einem der beiden einen nächtlichen Bootsdrill unter’m Sternenhimmel gegönnt. Begeistert hatte ich davon erzählt, wie es ist, wenn der Fisch unter dem Boot bei dramatisch gebogener Rute seine Kreise zieht. Wenn man - tagsüber - beobachten kann, wie der graue, manchmal gelb aufblinkende Fischleib in 5 Meter Tiefe seinen Weg des Widerstandes geht.
Nachdem wir uns alle, die einen früher, der andere später, darauf geeinigt haben, wer alles in der Politik an allem Schuld ist, geht es auf die Liegen. Das fehlende Schnarchen von Sebastian kurz darauf lässt schließen, dass er diese Nacht sicherlich keinen Lauf überhören wird. Keine Stunde später stehen Micha und ich neben Sebastian und beobachten sein Tun an der gebogenen Rute. Ja, der Liver-Spice in 250 Meter Entfernung bekam sein Date, und ich mache in Wathose das Boot klar. Kurz darauf kreuze ich mit Sebastian über den See. Über uns der klare Sternenhimmel. Während ich in Schleichfahrt das Boot auf den Fisch zusteuere, denn dieser hat noch keine Anstalten gemacht, die Region um das andere Ufer zu verlassen, will Sebastian seinem erneuten Glück nicht so recht trauen. An der Rute hat sich beim Heranfahren nichts mehr getan, obwohl wir mehrfach gestoppt haben, um mehr Druck auszuüben und den Fisch in die Seemitte zu bekommen. Aber nur wir haben uns bewegt, sonst niemand anderes in diesem Kampf.
Hängt er fest? Im Kraut? An einem Schuttstein? Ruhig steuere ich auf den Fisch zu und bemerke nebenbei, dass noch weitere Karpfen in dieser Ecke des Sees rollen. Kurz darauf geht es los, der Fisch ergreift die Flucht. Sebastian jauchzt und strahlt unbändige Freude aus. Ich überlege, ihm ein Taschentuch zu reichen, aber die Freuden-Tränen kann er sich nicht abwischen, denn die Hände umklammern die stramm gebogene Rute oder spielen an der Bremse herum. Nach rund 10 begeisterten Minuten kommt der Fisch an die Oberfläche, und kurz darauf kann ich ihn keschern. Ein ziemlich großer Spiegler, soviel zeigen uns die Lichtkegel der Kopflampen schon mal an. Nach langsamer Fahrt mit dem Fisch im Kescher, den Kopf dabei in Fahrtrichtung - denn ich halte nichts davon, den Fisch minutenlang auf der Matte im Boot liegen zu lassen bis man das Ufer erreicht - empfängt uns Micha am Camp. Uiii, schööön schwer fühlt sich der Kescher an. Ein großer Spiegler mit wunderschönen, großen Schuppen an der Flanke macht Sebastian weiche Arme mittels seiner 37 Pfund. Personal Best!! Ich freue mich carpisch, bzw. tierisch für ihn. Netten Leuten gönne ich gerne große Fische. Schöne Rote Bäckchen Bilder mit diesem wunderschönen Fisch sind die Ausbeute.
Am nächsten Morgen, nach durchschlafener Nacht, klopft Sebastian an mein Zelt. Er muss zurück ins Westfälische, weil er seiner Fußballmannschaft Treue geschworen hat, die um 11 Uhr ein Spiel hat. Nachdem ich ihn rübergefahren habe, zelebriere ich meine Lieblingsstunde und genieße die frühherbstliche Stimmung.
So, liebe Leserin, lieber Leser, ich habe Dich genug mit langen Zeilen geplagt, ich fasse mich nun kurz. Gegen Mittag bauen wir ab, quälen danach noch ein bisschen die Flora und Fauna am Parkplatz, weil Micha mir mit seiner Autoanlage seinen selbstproduzierten Sound vorwummert, und verabschieden uns danach herzlich voneinander, feststellend, dass es eine supernette Session war, die im nächsten Jahr an gleicher Stelle bzw. am Kanal zu wiederholen sein wird.
Ob mit oder ohne Spiegler.
Euer Anton
Team Selfmade-Baits

 

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