Lohn der Mühen

16.01.2010 19:29 | Teamberichte

 

Es ist Mitte Juli, und es ist sonnig und sehr warm. Der Schweiss rinnt mir in die Augen, Distel-Stachel bohren sich durch meine Hose, und nervös mit dem Kopf       zuckend versuche ich eine Bremse von meinem Nacken zu vertreiben. Bepackt mit Futterral, Liege und weiteren Utensilien breche ich durch einen zugewachsenen Pfad, der rund 200 m durch einen dichten, mannshohen und mit Zecken verseuchten Brennessel-Distel-Urwald führt.

Obwohl mir bewusst ist, dass ich nun 3 Nächte Zeit zum Fischen habe, kann es nicht schnell genug gehen. Drei Mal muss ich den insgesamt etwa 400 Meter weiten Weg zurücklegen, bis ich alles am Platze habe, da eine Karre nicht benutzbar ist.

Vor rund zwei Monaten haben an dieser Stelle ein Kollege von mir und ich mit viel Mühe eine Schneise in mannshohe Brombeersträucher geschnitten und Stufen in den Steilhang gegraben, um abseits ausgetretener Pfade an diesem stark beangelten Baggersee den Karpfen nachzustellen.
So beschwerlich das Schleppen, so einfach das Fischen. Ufernah wird hier gefischt, in verschiedenen Tiefen. Füttern ist mittels Futterschaufel und Rohr leicht möglich.
Seit ihrer Entstehung hatten Kollege Gerd und ich schon zwei Kurz-Sessions (je 2 Nächte) an dieser Stelle abgehalten. Einmal mit vorhergehender mehrtägiger, aber unregelmäßiger  Futteraktion, und einmal eine spontane Session ohne jegliches Vorfüttern. Mehrere Karpfen konnten schon gelandet werden, v.a. in der ersten Session. Die Session ohne Vorbereitung brachte hingegen lediglich drei Fische in zwei Nächten. Darunter ein Fisch von 17 kg.
Während dieser Session plante ich den Großangriff auf diesen spot. Meine knappe Zeit ließ immerhin eine halbe Woche für dieses Vorhaben zu. Nach einigen Fütterungen zwischendurch bis zur Woche vor der geplanten Session, begann ich acht Tage vor Beginn mit dem Aufbau der Futterplätze. Mit Bloody Fish Pellets, Tigernüssen, und einigen wenigen ganzen und halbierten Active-Red-Shellfish und Active-Pineapple Boilies in unterschiedlichen Größen, begann ich die Kampagne. Mit den Tagen ging der Pellet-Anteil immer weiter zurück, da meiner Erfahrung nach Pellets an diesem See Brassen-Magneten sind. Anfangs können sie nicht schaden, um etwas Trubel auf den Platz zu bringen, und die Aufmerksamkeit der Karpfen zu erregen. Aber zum Fischen sollten so wenig Brassen wie möglich auf den Futterplatz gelockt werden. Auch einige Kilos Tigernüsse wurden jedes Mal beigefüttert.
Acht Mal innerhalb von 9 Tagen kämpfte ich mich abends, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, durch stacheliges Feindesland, um zu den Futterplätzen zu gelangen. So wurde auch das Absuchen nach Zecken zu Hause, vor dem Spiegel, zur täglichen Routine.
Den dritten Tag fütterte ich aus organisatorischen Gründen morgens, kam aber abends noch mal ans Wasser, um ein bisschen aufzuräumen.
Gerade angekommen bemerkte ich aus den Augenwinkeln einen großen Schwall auf dem Futterplatz. Ich trat ans Ufer, und aus erhöhter Position am Hang erkannte ich bald, was los war. Immer wieder durchbrachen Karpfenbuckel und Karpfenköpfe die Wasseroberfläche. Über den gesamten angefütterten Bereich.
Aus Dankbarkeit für dieses Schauspiel fuhr ich an jenem Tag gleich nach Hause, um noch ein paar Extra-Leckerlies für den gewohnten Abend zu holen.
Nun, an einem Donnerstag gegen 15 Uhr, bin ich endlich am Wasser! Nicht nur mit Schaufel und Rohr, sondern mit dem Komplett-Programm an (nur nötigstem ;-)) Tackle. Erste Aktion an diesem Nachmittag ist eine kleine Fütterung mit einigen Schaufeln Tigernüssen, sowie Boilies, die in Fischprotein gesoackt und mit Belachan-Powder bepudert sind. Jetzt soll es möglichst gut duften auf den spots. Da aufgrund der Gegebenheiten auch vor den Füßen gefischt werden muss, habe ich den Plan, diese Stelle die ersten beiden Tage ausschließlich zu befischen, um mich dann in der zweite Hälfte der Session auf den weiter entfernt liegenden zweiten spot ausbreiten zu können. Mit häufigen, aber kleinen Portionen soll dieser „Ruhe“-spot die unbeangelte Zeit über stetig unter Futter gehalten werden.
Sollten die Fische „vor den Füßen“ beissen, könnte das dauernde Drillen so nah auf dem Futterplatz sie vergrämen. Dann ist es gut, noch eine ruhigere Stelle für den Rest der Session in der Hinterhand zu haben.
Als ich gerade die Ruten fertig zur Beköderung auf das Rod-Pod lege, erschrecke ich mich fast über den aus dem Wasser schießenden Karpfen - etwa 15 Meter Luftlinie von mir entfernt. Ein seeehr gutes Zeichen!! 
An die erste Rute montiere ich einen 18er Active-Red-Shellfish, und verpacke diesen in einer PVA-bag mit gecrushten Boilies. Die zweite Rute ziert ein kleiner, weisser Mussel-X-Popper mit einer Tigernuss obendrauf.
Ich habe gerade die zweite Rute mit dem PVA-bag auf das Rod-Pod gelegt, welches oben am Hang steht, und mühe mich nun das Absenkblei auf die Schnur unterhalb der Rutenspitze zu fädeln, als die Schnur auf einmal so eine ungewöhnliche Spannung zeigt. Dann neigt  sich aber schon die Rutenspitze, und leise knarrend wird Schnur von der Rolle gezogen.
Kurz darauf liegt ein Spiegler von rd. 20 Pfund auf der Matte, und mir fällt siedendheiss ein, dass ich meine Kamera zu Hause liegen gelassen habe, und ich mit einer alten Taschen-Digital-Kamera klar kommen muss.
Somit stehen Mattenbilder sowie stressige Selbstauslöser-Fotosessions an, sollte die Sache so weitergehen, wie sie beginnt. Ich entlasse den Fisch, und lege schnell die Rute wieder ab. Keine halbe Stunde später die nächste Aktion an Active Red-Shellfish. Ein kleinerer Fisch von etwa 16 Pfund macht einen kurzen Besuch auf meiner Matte. Ich bin immer noch dabei, mein Camp aufzubauen, und habe schon zwei Fische. Sonnenschein und Optimismus prägen die Stimmung, die auch von einer gezupften Zecke am Bauch nicht getrübt wird. Kurzum, bis Mitternacht kann ich 6 Fische bis 25 Pfund landen, und beklage zwei Aussteiger. Leider bleiben nur schlechte Bilder übrig – aber was zählt sind Erlebnis und Erinnerung, nicht wahr?
Da Angeln Vergnügen und nicht Arbeit sein soll, und dieser See tendenziell ein Tag-See ist, hole ich gegen 1 Uhr nachts die Ruten raus, füttere ein wenig nach, und haue mich auf’s Ohr. Wecker sei Dank, sind die Fallen gegen 7 Uhr morgens wieder gestellt, und der Fallensteller halbwegs ausgeschlafen.
Ich schließe gerade den Verschluss meiner Thermostasse mit dem frisch aufgebrühten, zweiten Kaffee, als die Rute mit dem Active-Pineapple mich ans Rod-Pod bittet. Kurz darauf versuche ich den 11 kg Spiegelkarpfen passend in den Rahmen der Kameralinse und in der richtigen Sekunde zu halten, was mir diesmal auch gelingt. Dafür ist die Belichtung falsch eingestellt …
10 Uhr der nächste Fisch in vergleichbarer Größenordnung, 13 Uhr, 14 Uhr, 14:45 Uhr, usw. Regelmässiges und breitflächigeres Nachfüttern nach jedem Lauf versteht sich von selbst, um die Fische am Platz zu halten.
Zum Ende des Tages habe ich neun weitere Fische auf der Habenseite, die zwischen 9 und 13 kg wiegen. Ich fange bis zum Nachmittag alle Fische in einem Umkreis von 25 Meter Entfernung - so gut wie unter der Rutenspitze.
Die Großen aber wollen sich nicht blicken lassen. Am Abend lege ich eine Rute an den Rand des weit entfernt liegenden spots, in der Hoffnung, hier könnten größere Fische vertrauensvoll fressen. Ein Aussteiger und zwei mittelgroße Fische sind das Resultat.
Man kann also sagen, ich hatte an diesem Tag nicht viel Gelegenheit, meine Umgebung zu beobachten. So überraschte mich am Abend auch ein heftiges, aber romantisches Sommer-Gewitter.
Meine (sicherlich als üblich zu betrachtende) Strategie, den Futterplatz durch intensiven Futtereinsatz für vorbeiziehende Karpfen attraktiv zu machen, schien aufzugehen. Die zeitlich gleichmässige Verteilung der Bisse über den Tag und den Abend hinweg belegt, dass die wanderfreudigen Fische sich relativ stetig „in der Gegend“ aufhielten. Neben der Fütterei war vielleicht auch der geringere Angeldruck an dieser Stelle Grund für die erfreuliche Situation. Obwohl an den anderen Stellen des Sees, insbesondere bei jenen mit markanten Strukturen wie Bänke oder Plateaus, oft und gut  gefangen wird.
Der Samstag verläuft ähnlich, und unerklärlicherweise ist der spot unter den Rutenspitzen auch am dritten Tag noch produktiv, während die entfernte Stelle nur eine Aktion bringt. Gegen Mittag habe ich zwei Karpfen und einen Sterlet, aber dann wird’s ruhig.
Kommen die noch mal wieder? An moven ist nicht nämlich zu denken.
Da die Boilies langsam zur Neige gehen, setze ich ab 15 Uhr auf einer Rute zwei einzelne Tigernüsse ein, die zusammen mit drei bis vier Schaufeln Tigers keine 10 Meter vom Ufer entfernt auf Interessenten warten. Zwischen 16 und 22 Uhr kommen so noch einmal 5 Läufe zusammen, mit 4 Fischen als Resultat. Alle bewegen sich im niedrigeren 20 Pfund Bereich. Am nächsten Morgen verfüttere ich letzte Boilies und Tigernüsse und fange langsam an einzupacken. Ein 27-pfündiger Spiegler bringt mir den Abschiedsgruß ans Ufer.
Mit insgesamt 23 Fischen bei 28 Läufen innerhalb von 3 Tagen, und angesichts der recht engen Verhältnisse (keine Boote/Futterboote erlaubt) ein klassischer „veni, vidi, vici“ Bericht, mit viel Spaß und schlechten Bildern. Aber auch eine richtig fette Ohrfeige mit einer Schwanzflosse habe ich mir eingefangen, als ich hektisch versuchte, ihren Besitzer in Foto-Position zu bringen, bevor der Selbstauslöser tätig wird.
Auf dass ich die Kamera beim nächsten Mal nicht wieder vergesse und so rumstresse an der Matte.
Am späten Sonntag Mittag sitze ich, verschwitzt, zufrieden und mit einigen Bremsen-Beulen an Nacken und Stirn, hinter dem Steuer, und denke über den Titel dieses kleinen Berichtes nach, von dem ich hoffe, dass er den verehrten Besuchern von Selfmade-Baits ein wenig Kurzweil bietet. Auch wenn es sich letzlich „nur“ um Schnappschüsse aus dem karpfenanglerischen Alltag handelt  - in diesem Fall mit ein bisschen mehr Glück  - so wie wir das alle kennen.
Vielleicht „Lohn der Mühen“?
Viele Grüße
Antonio Rogmann, Team Selfmade-Baits

 

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