Was heisst hier eigentlich “getestet”?

21.04.2012 19:55 | Tipps & Tricks

 
Einleitung
 
“Lange getestet, von super vielen Testanglern, an schwierigsten Gewässern in ganz Europa,  wobei” – natürlich –  “Unmengen riesiger Karpfen an Land gezogen wurden ...”.
 
So, oder so ähnlich lauten viele Werbesprüche, die dem Kunden glaubhaft machen sollen, endlich den Hammer-Köder gefunden zu haben. Die Sprüche mögen wahr sein oder auch nicht, selten aber wird etwas dazu gesagt, wie solche Tests ablaufen, welche Kriterien für eine Bewertung herangezogen und wie die Ergebnisse ausgewertet werden.
 
Wir von Selfmade-Baits achten nicht nur auf echte Qualität bei allen unseren Produkten, sondern auch auf einen offenen und kritischen Umgang mit unseren Kunden, deren Urteile und Meinungen uns wichtig sind.
In diesem Sinne haben wir uns entschlossen, die Kunden ein wenig hinter die Kulissen schauen zu lassen, was das Testen und Entwickeln der Köder angeht.
 
Die Entwicklung
 
Oli, der Inhaber, sein Team, bestehend aus Didi und Mario, sowie die Fieldtester sind allesamt in die Entwicklung eines neuen Köders bzw. einer Produktlinie involviert. Während Oli und Mario diejenigen sind, die aufgrund ihres Wissens und ihrer langjährigen Erfahrung was Mixe und andere Baits angeht (wobei auch bei den Fieldtestern die meisten alle mal selbst gerollt haben), die eigentliche Entwicklungsarbeit leisten, obliegt es den Testanglern, die beiden mit Anwendungsfeedback zu versorgen.
 
Meist ist es so, dass der Entscheidung, etwas Neues zu entwickeln, eine längere “im Hinterkopf”-Phase voraus geht, während der Ideen und Vorschläge durch Telefonate, Teamtreffen oder, vor allem, durch das interne team und Fieldtester-Forum geistern. Dabei entbrennen oft heiße Diskussionen, die sich meist um die Marktnähe oder um die Wirksamkeit/Fängigkeit der “Idee” handeln. Wie wirkt dieser neue Köder? Was unterscheidet ihn von den anderen hinsichtlich seines Einsatzbereiches? Wie lässt er sich mit anderen Produkten kombinieren, um eine noch bessere Fängigkeit zu erreichen, z.B. bei schwierigen Situationen? Oft sind es auch allgemeine Diskussionen, wie um die Frage: wie sind die allgemeinen/neuesten Trends auf dem Markt? Welchen sollten wir folgen, wo eigene Wege gehen?
 
Irgendwann fällt der Häuptling dann den Entschluss, eine Markt-Einführung vorzunehmen, und die Organisation, u.a. der Testfischerei, beginnt.
 
Sobald festgestellt ist, wer was an Sessions vor sich hat, werden erste Proben verteilt. Im Falle von Boilies handelt es sich um kleinere Mengen, um v.a. das Verhalten des Köders im Element Wasser und am Haken zu beurteilen. Das ist erst mal von Bedeutung, um die angestrebte Grundstruktur im Boilie-Mix zu entwickeln, die dann Schritt für Schritt im Laufe der weiteren Testphase verfeinert wird.
 
Bei der Neuentwicklung des Scopex+ Mixes in 2010/11 zum Beispiel, der als erster keine tierisch/fischigen Bestandteile  - mit Ausnahme von Milchproteinen - enthält , dafür aber hohe Anteile Tigernussmehl und Birdfood, musste der Anforderung „gute Bindung bei grober Struktur“ Rechnung getragen werden, um eine gute Abgabe der lockaktiven Substanzen wie Betain und Buttersäure zu gewährleisten. Zudem sollte der Mix bekömmlich, sprich gut verdaulich sein. Auch wenn die ersten Prototypen schon gute Fische fingen, musste anfangs mit Brüchigkeit, ungenügender Löslichkeit oder nicht befriedigendem Geschmack umgegangen werden. Viele Telefonate, postings, weitere Tests am Wasser sowie lange Abende in Oli's Boilieküche später hatten Oli und Mario den Scopex + so weit, in größeren Mengen produziert, und an die Testangler geliefert zu werden.
 
Beim Essential Spice (ES) hingegen, unser zweiter Mix/Boilie ohne fleischige/fischige Bestandteile in der Active Serie, war es anders. Mario Fritsch hatte schon, bevor er zu Selfmade-Baits kam, sehr lange mit Gewürzmischungen, Gewürzliquiden und Powdern herumexperimentiert und reichhaltige Erfahrung sammeln können. Der ES ist also eigentlich nichts Neues. Zumindest nicht für Mario, der ihn über die Jahre, auf Basis vieler Sessions in Deutschland und Frankreich, zur vollkommenen Ausreifung gebracht hatte. Ehrlich gesagt, er hatte auch eine Weile überlegt, ob er den “Dosenöffner”, so wie er ihn nannte, wirklich bei Selfmade-Baits auf den Markt bringen sollte. Denn - abseits von jedem werbedienlichen Gerede - es war faktisch so, dass dieser wirklich überragend gut fing, und sich auffallend oft gegen die Konkurrenz durchsetzte, sei es die eigene Rute bzw. Angelkollege mit anderen Ködern, oder ein benachbartes Team einer namhaften Bait-Firma. Auch in französischen pay-lakes, wo die Karpfen wirklich reichhaltige Auswahl haben und unter permanentem Angeldruck stehen, war der ES ein absolutes highlight. Trotzdem haben Oli und Mario ihn noch ein dreiviertel Jahr durch die Fieldtester fischen lassen, und dabei die eine oder andere kleine Anpassung vorgenommen, bevor er auf den Markt kam.
 
Das Testen
 
Sobald also ein Köder in Laufe der Entwicklung das Stadium einer potentiellen Marktreife erreicht hat, wird er an die Testangler ausgegeben.
 
Das ist der Zeitpunkt, wo eine kleine Arbeitsgruppe unter den Fieldtestern aktiv wird, die für das Management der Testphase verantwortlich zeichnet. Wer, was, für welche Gewässer, bekommt, und wie konsequent feedback gegeben wird, wird von dieser Gruppe, in Zusammenarbeit mit dem Team und, klar, dem Cheffe, kontrolliert. Alle im Team, also auch Oli, Mario und Didi, gehen viel fischen, und sind eifrige Tester.
Die meisten Testangler unter uns fischen “vergleichend”. Das heisst, es wird meist nur mit einer oder zwei Ruten (je nach dem, wie viele erlaubt sind) der neue Köder gefischt. Die meisten Testangler haben so ihre Lieblingssorten, die sie gut kennen, und gegen die sich der “Neue” durchsetzen muss. Die Test-Sessions fanden und finden überwiegend in Deutschland an heimischen Gewässern statt, was alleine schon wegen der Vergleichbarkeit von Vorteil ist. Wir haben aber auch erfahrene Frankreich-Fahrer in unseren Reihen, die beileibe nicht nur am Cassien fischen.
 
Bisher war der Weg der Erkenntnis - von den Jagdgründen in die Boilieküche - so, dass die Tester von ihren Testfischen erzählten, und dabei Zuspruch und Kritik zum Testgegenstand äusserten. Ob per Telefon oder im Forum.
Beim Teamtreffen letzten Sommer entschieden wir uns aber, subjektive und undokumentierte Meinungen durch Dokumentationen, die einem Standard folgen, zu ergänzen. Neben dem Umstand, dass eine genaue Dokumentation des eigenen Testfischens auch die Gewissenhaftigkeit bei der Beurteilung fördert, hat man so Daten, die man nach bestimmten Kriterien auswerten "könnte".
 
Wir haben hier nicht den Anspruch, mit Pseudo-Wissenschaftlichkeit irgendwelche mathematischen Formeln für das Messen von Testergebnissen und somit der Fängigkeit eines neuen Produktes zu liefern. Zu unbeherrschbar bleibt die Menge der Unwägbarkeiten, die uns Mutter Natur in die Formel wirft, als das solches möglich wäre.
Dennoch, und auch wenn wir jetzt erst damit anfangen, so haben wir vor, unsere Produkte auch langfristig einem “monitoring” zu unterziehen, in dem die Testangler die Köder auch nach der Testphase zu ausgewählten Sessions weiter bewerten, und dabei Aussagen zu den Fangbedingungen machen. Umso mehr Daten zusammen kommen, desto eher lassen sich vielleicht doch interessante Trends erkennen. Man kann ja mal die Gewässertypen den Fangerfolgen (in Stunden pro Fisch) mit einem bestimmten Köder gegenüberstellen. Oder das Nahrungsaufkommen (so subjektiv dieses auch beurteilt sein mag).
 
Ich denke, es versteht sich von selbst, dass jedes Testen und Bewerten subjektiv ist und bleibt, und äußere Umstände mit entscheiden, wie z.B. die Fangbedingungen. Man kann diese die “Rahmenbedingungen” definierenden Parameter, wie “Bestandsdichte”, oft nur sehr schwer beurteilen. Gleiches gilt für die Höhe des natürlichen Nahrungsaufkommens. Man müsste schon eine eingehendere, limnologische Untersuchung durchführen, um das Nahrungsaufkommen – ein für die Futterstrategie wichtiger Faktor – zu quantifizieren. Andererseits sind alle im Team alte Hasen. Einige fischen schon seit 20 Jahren intensiv mit “modernen Methoden” auf große Karpfen, sprich mit Boilies und anderen Ködern am Haar. Somit basiert auch ein intuitives und momentanes Urteil auf fundierter Erfahrung und Kenntnis. 
 
Ab Spätsommer 2011 bekommen die Testangler für jede Session, die gefischt wird, einen standardisierten Bewertungsbogen mit, den sie nach der Session zu Hause in Excel ausfüllen, und an die Arbeitsgruppe zurücksenden müssen.
 
Der Bewertungsbogen besteht streng genommen aus zwei Tabellen. Während eine die Fangbedingungen, also Gewässertyp, -struktur, Karpfenbestand, Nahrungsaufkommen, gemachte Fänge, etc. vermerkt, nimmt eine zweite Tabelle konkrete Angaben zum Köder auf, in dem zu Löslichkeit, Festigkeit, Dip-Aufnahmefähigkeit etc. Bewertungen nach dem Schulnotensystem vergeben werden. Abbildungen 1 und 2 zeigen Ausschnitte der Bögen.
 
 
 Abb. 1: Gewässer- und Fangbogen
 
 
 Abb. 2:  Bewertungsbogen Boilie
 
Es versteht sich von selbst, dass sich die Tabellen bzw. die Bewertungsbögen in Abhängigkeit vom Bait-Typ unterscheiden. Ein Bogen für Liquide oder Pop-Ups ist natürlich anders aufgebaut als einer für Boilies. Auch ist es meist so, dass sich die Jungs in der Boilie-Hexenküche für bestimmte Eigenschaften interessieren, z.B. Aufnahmefähigkeit von Dips. Dann muss das, nach Vorabsprache, entsprechend getestet und notiert werden.
Diese standardisierten Angaben werden um verbale Mitteilungen ergänzt, in dem die Mitarbeiter des Test-Management-Teams in bestimmten Fällen Telefon-Interviews führen, um weitere Informationen zu bekommen. Im Forum werden in einem eigenen Unterforum Meinungen zu verschiedenen Aspekten der Köderentwicklung ausgetauscht.
 
Zudem bekommen manche Kunden, die uns schon lange verbunden sind, Test-Köder schon vor der eigentlichen Markteinführung, sofern von ihnen gewünscht. Gerade dieses feedback ist uns sehr wichtig, denn keiner ist näher am Kunden, als der Kunde selbst.
 
Erste Ergebnisse
 
Hier nun ein paar beispielhafte Auswertungen der Testangel-Daten zum Active Essential Spice Fertigboilie. Klar, es ist nur eine geringe Grundgesamtheit (16 Sessions, rd. 1000 Stunden), da die erste Hälfte der Testphase schon vorbei war zur Einführung des neuen Systems - aber es ist der Grundstock für die Datenbank der Zukunft. Mal schauen ...
 
Die Kriterien bezogen auf das Verhalten des Boilies und deren Bewertung, die nach dem Schulnotensystem erfolgte, sind nachfolgend zu sehen.
 
 
 
 
 
Die Fängigkeit könnte man beispielsweise so darstellen, dass man den Fangerfolg in Stunden, die man braucht, um einen Fisch zu fangen, als Maß nimmt, und es bestimmten Fangbedingungen gegenüberstellt. Fischgewichte spielen dabei keine Rolle. Das ist statistisch natürlich mehr als haarig, aber dennoch und wie bereits erwähnt, mal schauen, was sich da so ergibt, bzw. wie man das System umbauen muss, um bei genügendem Datenmaterial vielleicht mal Trends zu erkennen, oder sich von diesen (realen oder eingebildeten) Trends für neue Ideen inspirieren zu lassen.
Vielleicht stellen sich so je Boilietyp besondere Situationen heraus, in denen dieser eingesetzt werden sollte. Z.B. bei niedriger Bestandsdichte. Aus den bisherigen, verbal ausgetauschten Erfahrungen ließen sich Trends schon gut erahnen, aber vielleicht werden diese durch Zahlen gestützt?
 

Die Grafik unten zeigt, dass man bei Sessions an kleinen Gewässern (3–10 ha) im Durchschnitt (!) 20 Stunden fischen musste, um einen Fisch zu fangen. Insgesamt wurden über alle Sessions, die hier aufgenommen wurden, 20 Fische in diesen „kleinen“ Gewässern gefangen.



Hier ein kleiner Ausschnitt… aus der Testphase