Jammin

18.01.2010 18:14 | Teamberichte

 
 
Kevin und ich sind zurück von unserem großen Herbst-Trip. Wieder einmal war von absoluter Hochstimmung bis zum tiefsten emotionalen Abgrund alles dabei. Aber immer der Reihe nach. Erfreulicher Weise hatte ich den Freitag noch frei bekommen, und so trafen wir uns gleich morgens an einem Bootsanlegeplatz. Es war erst Ende Oktober, doch mehr als saukalt! Minus 5 Grad, die Wiesen waren von dickem Reif überzogen und boten uns einen malerischen Anblick.
Wir checken wie immer zunächst einmal das Wasser. Zum Glück dürfen wir einen Benzinmotor verwenden, denn diesen braucht man bei einer solchen Wasserfläche. Wir stoßen auf zahlreiche holländische Teams, deren Fänge allesamt mager sind. Die wenigen Fische, die gefangen wurden, waren auch noch ziemlich klein. Hoher Druck, wenig Fisch – kurzer Hand beschließen wir das Gewässer zu wechseln.
Am neuen See sind wir alleine. Offenbar hat keiner Lust dort zu fischen. Komisch, aber wir freuen uns. Wir loten, entscheiden uns für den tiefsten See teil und bauen unser Camp auf. Nach einem Bier und einem kleinen Imbiss füttern wir. Wir haben uns für den Trip mit meinem Lieblingsknödel ausgerüstet. 50Kg Shellfish-X Boilies sind an Bord und wir füttern einige Kilos auf einer großen Fläche.
Die erste Nacht wird nicht gefischt. Erst mal Ruhe einkehren lassen. Wir chillen bei Bier und sonnengetrockneten Tomaten und freuen uns gemeinsam wieder auf Achse sein zu können. Erstmals ertönt Bob Marleys Jammin. Passt wunderbar in die Szenerie hier und wird zum allabendlichen Ritual. Am nächsten Morgen legen wir unsere Fallen aus. Abends erhält Kevin den ersten Biss. Der Wind ist seit Mittag immer stärker geworden und es regnet teilweise sehr heftig. Ideale Bedingungen. In der kommenden Nacht haben wir noch weitere fünf Läufe. Fische bis etwas über 30 Pfund gehen uns dabei an den Haken.
Gegen 2 Uhr morgens entscheiden wir uns nachzufüttern. Es läuft wie am Schnürchen und man soll den Schweinchen zu Fressen geben, so denken wir.
Dann kommt der Morgen und dieser beginnt mit einer Katastrophe. Ich bin noch gar nicht richtig wach, da höre ich Kevin fluchen und durch die Gegend toben. Zwei seiner Ruten sind uns über Nacht geklaut worden! Wir hatten sie etwa 50 Meter um die Ecke stehen gehabt und jetzt glotzen uns nur noch zwei Banksticks an. Zwei Greys Ruten, Ultegras und Delkims sind Spurlos verschwunden. Mein Kescher ebenfalls.
Die Suche nach dem Übertäter ist freilich erfolglos. Wir fragen uns, wie dieser dort hingelangen konnte. Ohne Boot ist dies kaum möglich. Delkims haben eine Alarmfunktion beim Ausschalten und diese ging nicht los. Der Kerl muss also im Gebüsch gewartet haben, bis wir beide mit dem Boot einen Fisch gedrillt haben und auf dem See waren. Ein ungutes Gefühl, wenn hinter dir jemand im Wald sitzt, nachts, bei Sturm und Regen und einfach wartet...
Ich kann Kevin überzeugen weiterzumachen. Er fischt nun eine meiner Ruten. Mit jeweils drei sind wir ausreichend aufgestellt.
Die kommende Nacht sind wir blank. Es ist viel zu kalt geworden und wir haben zu viel gefüttert.
Doch zum Glück bringt die dritte Nacht einen Biggie für Kevin. Nun geht es ihm wieder besser. Ein guter 40er ist im Kescher, Nebel liegt über dem See in dieser eisigen Nacht und Jammin tönt leise durchs Gehölz.
In den darauf folgenden Nächten pendeln wir uns bei zwei bis drei Bissen ein. Tagsüber ist alles wie tot. Wir füttern nur noch sehr wenig und soaken unsere Boilies zusätzlich in verschiedenen Liquids und Baitpowders um bei diesem kalten Wasser die Fische zusätzlich zum Fressen zu animieren. Wir wechseln uns mit den Runs ab, und dies funktioniert auch wunderbar.
Irgendwann, so zur Halbzeit unseres Trips, habe ich gerade einen Fisch ausgedrillt und komme zurück zum Ufer, als Kevin einen langsamen Anbiss auf der Rute erhält, die schon einige Tage zuvor einen großen Fisch gebracht hat.
 
Vorahnungsvoll steigt er ins Boot. Es ist seine Runde!
 
Etwas bedrückt kommt er nach einiger Zeit zurück zum Ufer. Im Netz liegt der nächste 40er, der exakt das gleiche Gewicht auf die Wage bringt wie der Biggie zuvor: 22kg.
Es hätte mein Fisch sein sollen, betont er, da er ja schon einen habe. Was für ein super Angelkollege!
Klar hätte ich ihn gerne selber gefangen, doch er verdient es nach der Horror-Aktion mit seinen Ruten. Wir köpfen noch eine Flasche Schampus und gehen dann schlafen. Ach ja, leise Reggae-Klänge tönen durch den finsteren Wald.
 
Die Zeit vergeht wie immer wie im Flug. So eine Woche ist immer viel zu kurz, und ehe man sich's versieht, liegt schon ein Großteil des Urlaubs hinter einem. Es ist immer der gleiche Jammer.
 
Während der letzten drei Tage bekommen wir Besuch von zwei Holländern in unserem Alter. Sie setzen sich an eine Stelle einige hundert Meter zu unserer Linken. Auch sie erhalten ca. 2-3 Bisse pro Nacht, liegen aber im Durchschnittsgewicht deutlich unter dem unseren. Interessanter Weise sind bei Ihnen die flacheren Spots fischbringend. Wir hingegen fangen ausschließlich im Tiefen ab 4 Metern.
 
Am vorletzten Morgen darf ich auch endlich meinen 40er in die Kamera halten. Zwar war wieder einmal Kevin der glückliche, der den Fisch drillen durfte, allerdings hatte der Fisch auf eine meiner Ruten gebissen. Ein besonders enthusiastisches Jammin hallt in dieser Nacht durch die französischen Wälder.
 
Ende gut, alles gut. Na ja, fast.
 
Beim Entladen der Boote, kurz vor der Heimfahrt, bekommen wir noch Ärger mit zwei besonders peniblen Franzosen. Sowas passiert mir selten bis nie, daher nehme ich es nicht so tragisch. Eine Bootsrampe ist nichts, dass man nicht einmal für ein paar Minuten jemandem zur Benutzung überlassen kann, fanden wir. Schimpfen und Fluchen war für die beiden zwecklos; seelenruhig packen wir unsere Autos und winken Ihnen fröhlich zum Abschied zu.
 
Wieder einmal ging ein schöner Trip mit Kevin zu Ende. Es begann mit einem Schrecken, doch wendete sich zum Guten. Wir hatten 21 Läufe in acht Nächten und sind mit diesem Ergebnis sehr zufrieden gewesen. Hätten wir das Sturmtief der ersten Nacht noch etwas länger gehabt, wären sicher Massenfänge drin gewesen. Doch für die niedrigen Temperaturen mit sternklaren und kalten Nächten, ein sehr gutes Ergebnis.
Auf der Heimfahrt schmiede ich schon Gedanken zu den kommenden Wochenenden, an denen ich meinem Zielfisch noch einmal nachjagen möchte. Es ist November, da könnte es endlich klappen. Sicher frisst mein BigOne noch. Mein letzter Besuch dort ist schon drei Wochen her. Mitten in meinen Gedanken werde ich geblitzt und unsanft in die Realität zurückgerufen. An der Mautstelle werde ich gleich von einer netten Dame in Uniform auf den Parkplatz gebeten. Ich muss 45 Euro zahlen und erhalte nicht mal eine Gegenleistung. Dabei hätte die Uniform und der nächtliche Parkplatz doch gut gepasst... 
I hope you like Jammin too.
 
Pascal