Ein völlig krasses Wochenende

16.01.2010 18:37 | Teamberichte

 
In meiner Verzweiflung, den einen großen Fisch endlich fangen zu müssen, hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, den See in diesem Jahr nicht mehr zu befischen.
 
Doch nach einigen Telefonaten, die in der Regel erst mit der Kapitulation des Akkus,stand fest, dass wir es gemeinsam dort versuchen würden.
 
Ich war froh, nun vorerst nicht mehr alleine kämpfen zu müssen, denn Sebi versprach mir, mich für einige Wochenenden zu begleiten und zu unterstützen.
Den Feiertag Anfang Juni nutzten wir, nahmen den Freitag auch noch gleich mit und befanden uns am Mittwochabend gegen 16:30 Uhr auf der Straße Richtung Frankreich.
 
Gegen Einbruch der Dunkelheit war das Tackle dann auf den Angelplatz geschafft. Zuvor mussten noch zahlreiche Staus überwunden werden, die uns über eine Stunde Zeit kosteten.
Mit Tackle haben wir uns zurück gehalten, da wir nur 4 Nächte fischen.
Die Wassertemperatur beträgt 19 Grad und zu unserer anfänglichen Verärgerung sind die Plätze am Schongebiet und sämtliche Spots in der großen Flachwasserzone besetzt. Es gibt ganz offensichtlich auch noch andere unserer Zunft, die einen dicken Laichfisch fangen wollen. Einer dieser Jungs ist kein geringerer als mein geschätzter Kumpel Kevin aus Holland. Wir freuen uns über das Wiedersehen, haben wir doch gerade an diesem See schon viel zusammen ausgestanden und erreicht. Sebi und ich beziehen also notgedrungen eine Stelle im tieferen Bereich des Sees. Die anfängliche Ernüchterung darüber geht in Tatendrang über, denn wir motivieren uns gegenseitig. Wer sagt eigentlich, dass die Großen zeitgleich mit den Kleinen laichen gehen?
Kevin hat zwar sehr gut gefangen bisher, aber es war kein Fisch über 20kg dabei.
Wir machen uns selber Mut, dass die Großen erst noch in die Laichgebiete ziehen, und wollen den alten Gesellen auf Ihrem Weg in die selbigen vermittels kleinen, attraktiven Fallen auflauern.
Gemeinsam legen wir die Ruten aus. Wir fischen im Team, arbeiten zusammen und werden uns mit den Bissen abwechseln. Wer letzten Endes den Fisch an Land zieht ist zweitrangig.
Der Erfolg des Teams zählt.
Flache Buchten mit dichtem Krautbewuchs, von überhängenden Hecken gesäumte Uferpartien und tiefe Bereiche machen wir mit den Ruten dicht.
Wir füttern 5-10 Boilies pro Rute, echtes Fallenstellen eben.
Zum Auslegen von 7 Ruten brauchen wir bis in die tiefe Nacht hinein, da es im Dunkeln immer etwas länger dauert und wir jedes Rig absolut perfekt legen wollen. Mitten in der größten Arbeit erhalten wir schon einen Biss auf eine Krautrute, ca. 200 Meter um die Ecke, können den Fisch allerdings nicht landen. Zu schnell hat er den Weg in eines der zahlreichen Hindernisse gefunden.
Ärgerlich, aber manchmal nicht zu verhindern.
Zum Morgengrauen landen wir den ersten Fisch, einen Spiegler von knapp 12kg. Dann beginnt das Desaster: Die Nacht über haben wir aufgrund des ewigen Rutenauslegens und unserer Aufregung nicht geschlafen. Stattdessen sind wir kaffeetrinkend und qualmend vor den Schirmen gesessen und haben diesen seltenen Zustand der Glückseligkeit ausgekostet. Eine laue Frühsommernacht, ein großer, wilder See, um uns keine Menschenseele und die permanente Chance im Hinterkopf, den ganz Großen fangen zu können.
Nach dem Fotografieren des ersten Fisches wollen wir dann schon so langsam ins Bett, doch gegen 8 Uhr tauchen die ersten Wasserskifahrer und Motorboote auf. Diese heizen keine 10 Meter an uns vorbei und das alle 5 Minuten, wodurch ein Einschlafen verhindert wird.
Etwas zermürbt, aber immer noch gut gelaunt legen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit einige Ruten erneut aus, manch eine bleibt liegen.
 
Und die kommende Nacht wird wieder nicht gepennt: Wir landen in regelmäßigen Abständen Karpfen von einem beachtlichen Durchschnittsgewicht. In Erinnerung wird mir wohl immer die waghalsige Aktion mitten in der Nacht bleiben, in der Sebi und ich in meinem winzigen Bombard saßen und diesen schmucken 44er aus dem Unterwasserdschungel manövriert haben. Perfektes Teamwork!
In den frühen Morgenstunden landet Sebi einen 41er Schuppi auf einem absolut extravaganten Spot und wir sind restlos glücklich.Die Bisse dauern immer bis in den Vormittag hinein, je nachdem wir lange es dauert, bis unsere motorisierten Freunde auftauchen.
Aber in der Nacht läuft definitiv am meisten.
Wieder nicht geschlafen, von Stechmücken nahezu aufgefressen und nervlich nun schon etwas mehr im Eimer, verbringen wir den Tag mit Rigs binden und Pläne schmieden. Es sind nur zwei, drei Spots die Fisch bringen, also versuchen wir das ein oder andere, um auch auf andere Ruten Aktionen zu bekommen.
Die Nacht fordert uns wieder alles ab. Im Morgengrauen, nachdem ich endlich einmal die tödlichen Plagegeister ignorieren konnte, muss ich wohl für eine halbe Stunde eingeschlafen sein als plötzlich wieder eine Rute losrennt.
Sebi versucht mich zu wecken, ich springe auf und in meinem völlig verstörten Zustand schreie ich ihn an und will auf ihn losgehen. Ich blicke überhaupt nichts mehr. Sebi lacht mich aus und rennt schon mal zur Rute. Vollkommen erschlagen und im Kopf alles andere als klar, drillen wir den Fisch gemeinsam und landen einen schönen Enddreißiger.
Wir machen uns hier völlig kaputt, denn wir sind nicht nur seit 3 Tagen und 2 Nächten schlaflos, sondern werden auch von Millionen Schnaken überfallen und ausgesaugt. Es ist Karpfenangeln wie es leibt und lebt und ein echter Test für Körper und Geist.
Definitiv nichts für Weicheier und Pastorensöhne.
Tagsüber herrschen Temperaturen um die 30 Grad, nachts ist es nur unmerklich weniger. Es ließen sich zahlreiche lustige und ruinöse Stories über diesen Kurztrip erzählen, z.B. hat Sebi einen vermeintlichen Karpfen aus einem Baum herausoperiert im ca. 4m tiefen Wasser. Ich konnte das ganze im Boot verfolgen, wie Sebi tauchend um den Baum schwamm bis schlussendlich einen stattlicher Waller zum Vorschein kam und ihm und mir tief in die Augen blickte. Ich hab mich totgelacht, Sebi ist ein wenig erschrocken...;-)))))
Völlig übermüdet und so richtig rechtschaffen am Ar*** haben wir am Sonntagmorgen zusammen gepackt. Wir haben richtig gerockt, denn insgesamt haben wir zwei 40er und 4 Enddreißiger gefangen und nebenher noch manch schönen kleineren Fisch. Unsere Theorie hat sich bestätigt, denn die Großen waren nicht in den Laichgebieten. Allerdings hat uns der unbedingte Verdacht beschlichen, dass die Großen bereits abgelaicht hatten. Denn diese wiesen teilweise schon unmissverständliche Spuren am Körper auf und waren  ziemlich mager, also weit weg von ihrem Spitzengewicht.
Einmal mehr waren die Bloodie-Pepper Boilies ein Garant für den Erfolg im warmen Wasser. Außerdem liefen unsere Eco Shellfish-Knödel ebenfalls sehr gut.
Den einen markanten, großen Spiegler haben wir nicht fangen können. Wer weiß, wo sich dieser alte Kempe herumgetrieben hat. Vielleicht war er ganz in der Nähe und nur zu schlau, um in unsere Falle zu gehen?
Womöglich schon, vielleicht auch nicht.
Eines haben wir wieder gelernt: Wenn nur 4 Ruten Bisse bringen, dann lohnt es sich nicht 3 weitere auszulegen. Besser man hat nur die produktiven Ruten im Wasser und lässt die anderen draußen, denn dann ist weniger Schnur im Wasser und die Fische weniger verschreckt.
Außerdem haben wir gelernt, dass man verrückte Dinge tun muss, und zwar so oft wie möglich. Man muss Blanks riskieren auf dem Weg zum Erfolg, denn wer nicht wagt, wird nichts gewinnen. Dieses Mal haben wir etwas gewagt und sind belohnt worden. Denn die Mehrzahl der Bisse erhielten wir direkt vor unseren Füßen, ca. 1m vom Ufer entfernt. Der See hat Uferpartien von vielen Kilometern Länge, doch bissen die Fische ausschließlich auf unserer Seite.
Das macht die Karpfenjagd so interessant und beweist wieder einmal, dass vier Augen mehr sehen als zwei.
Manchmal aber auch vier Ruten mehr fangen als acht.
 
In diesem Sinne
 
Sebastian Hermann und Pascal Bouillon