Am Hausgewässer

23.12.2015 10:27 | Supporterberichte

Nach einer dreiwöchigen, in ihren psychischen Auswirkungen nicht unerheblichen angelfreien Phase, ging es am Freitag des letzten Juniwochenendes an mein Hausgewässer. Bis Montag war in den Kalender eingetragen. Und ich hatte, eigentlich, ein gutes Gefühl.
 
Das Frühjahr an diesem See, und das sah nicht nur ich so, war irgendwie verkorkst. Ein ewiges Rauf und Runter der Temperaturen hatte das Laichen behindert, da die Wassertemperaturen an diesem doch recht tiefen See nicht nachhaltig genug im nötigen Bereich lagen. Dementsprechend launig waren die Fische in der Zeit von Anfang Mai bis Mitte Juni, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf schlechtlaunig lag. Mäßige bis schlechte Fänge prägten also das Frühjahr. Ich war nun schon länger nicht mehr am Wasser gewesen, und ich war mir nicht sicher, ob das Laichen endlich erfolgt war oder nicht. Sowas wie Laichverhaltung soll es ja auch geben, mit Karpfen, die gar nicht laichen und den Laich zurückentwickeln. Na, sowas dürfte eine Weile sättigen. Aber Ende Juni? Da müsste doch alles vorüber und wieder normal sein. Entsprechend optimistisch war ich. Lange Wochen notgeil und ohne Appetit auf dem Seegrund rumhängen und nicht zum Zuge kommen, musste doch irgendwann zum Fressrausch führen. Am besten jetzt.
 
Die Stelle, die ich befischen wollte, liegt weit abseits der üblichen Angelstellen. Da man in meinem Alter langsam an die Bandscheiben denken muss, muss ich die rd. 350 m lange Strecke jede Session etwa 4 x gehen, wenn ich Tackle und Futter für drei Nächte mitschleppe. 350 m in eine Richtung wohlgemerkt. Früher schaffte ich sowas, bepackt wie ein Muli, in zwei Gängen. Für die etwa eineinhalb Stunden Schleppen kann ich eine fast ausschließlich von mir genutzte Stelle befischen. An einem See mit nicht unerheblichem Angeldruck, aber gutem Karpfenbestand. An dieser Stelle steht mein Bivvy in rd. 5 m Höhe über einem lehmigen Steilhang, und bietet einen herrlichen Ausblick über den rund 45 ha großen Baggersee. Während das Rod Pod meistens oben am Hang nah am Zelt steht, ermöglicht mir eine selbst in den Hang gegrabene Treppe das Keschern.
 
Als ich Freitag am späten Vormittag angekommen war, stand, noch vor dem Aufbau, erst einmal Füttern auf dem Programm. Und zwar volles Programm, da ich davon ausging, dass die Fische in Fresslaune sind, und ich nicht zum Vorfüttern gekommen war. Mit der Kelle fütterte ich rd. 4 kg Boilies sowie mehrere Kellen Partikel Mix, angereichert mit Mini-Halibuttpellets, auf den 30 x 30 m großen spot.
 
Der spot besteht unter Wasser eigentlich nur aus einem Kiesporn, der erst langsam, dann recht steil von meinen Füßen aus auf etwa 14 m Tiefe hinabsinkt. Je nach Jahreszeit platziere ich die Ruten zwischen 6 und 14 m Tiefe, wobei gerade im Hochsommer die tieferen Stellen meist am besten laufen. Die Ruten lege ich auf’s Rod Pod ohne Swinger einzuhängen. Die Schnur läuft 5 m unterhalb am Hang im weiten Bogen und dann flach ins Wasser. Die Köder liegen maximal 30 m vom Ufer entfernt. So gibt’s keine Schnurschwimmer, ich kann bei zwei Ruten verwicklungsfrei drillen, und die Fische flüchten grundsätzlich alle vom Ufer weg.
 
Bis Samstagmorgen ging gar nichts, was mich schon ein wenig misslich stimmte. Allerdings fiel mir auf, dass so gut wie nichts rollte. Und ich konnte das beurteilen, denn ich thronte ja 5 m über dem See. An diesem See gibt es eine Korrelation zwischen Zeigen an der Oberfläche und Beißverhalten. Viel Gerolle, viele Bisse. Samstagmorgen hatte ich mich dann auf leicht lösliche groundbait ballen mit gecrushten Red Shellfish und Sweet Insect Boilies, wenig Partikeln sowie ein paar Schuss  Shellfish Liquid verlegt, in der Hoffnung, so auf meinen Platz aufmerksam zu machen, ohne wieder viel zu füttern. Allerdings fütterte ich das Futter nicht auf einmal, sondern über mehrere Stunden verteilt jeweils ein paar sehr feuchte Ballen mit der Kelle, die zahlreichen Brassen im Hinterkopf.
 
Gegen 16 Uhr, ich saß nichtsahnend in meinem Buch versunken auf dem carp chair, als die auf 8 m Tiefe liegende Rute lospfeift. Bei dieser kurzen Distanz zwischen Rute und Köder gibt es meist rasante und schnelle Fluchten in Richtung Seemitte – so auch dieses Mal. Na also, ein 21 pfündiger Schuppi hatte meinen Schneemann aus 14er Sweet Insects genommen.
 
 
Popper wie Sinker hatte ich mehrere Tage in Sweet Insect (SI) Liquid gesoakt. Na also, dachte ich. Ich fütterte zwei Kellen gesoakte 14er SI, auch wenn ich mich mit der Frage herumschlug, ob es nicht sein könne, dass die Fische hier in die Richtung ziehen, und man deswegen nun ordentlich füttern solle, damit sie nicht weiterziehen. Viele machen das so erfolgreich, und ich bin da keine Ausnahme. Beissen ein bis zwei Fische nach längerer Flaute, versucht man die sehr mobilen Fische am Platz zu halten. Relativ zur Gesamtwasserfläche wird nur ein kleiner Teil des Gewässers befischt, da Boote jedweder Art, also auch Futterboote, nicht gestattet sind. Man sieht die Fische oft mitten im See rollen, und da der See stark durch Grundwasser durchflossen wird, schätze ich, dass die Fische nicht nur ziehen, wenn sie rollen, sondern auch im sehr Tiefen fressen. Und niemand weiß, ob es mitten im See hinter der 100 m Marke nicht auch Plateaus oder ähnliches gibt. Daher kann es schon Sinn machen, die Fische, wenn sie am Platze sind, mit reichlich Futter zu halten. Voraussetzung ist natürlich, sie sind in Fresslaune, was sie aber meistens sind. An diesem Tage schien die etwas zurückhaltende Fütterung der richtige Weg zu sein, denn eine Stunde später konnte ich einen schönen Schuppi von 33 Pfund landen. Ahh ja, es geht also los. Lag ich doch nicht so falsch. Ein paar Kellen Boilies, und etwas Grundfutter sollten das Rudel am Platze halten.
 
 
Pustekuchen. 22 Stunden später saß ich da, und wusste nicht, was los war. Kein einziger Pieper, wenn man von drei, vier Brassen absieht. OK, viel Futter, mäßig Futter = schlecht, aus welchem Grunde auch immer. Laichzeit vorbei, Wetter relativ stabil und warm, alles top. Nun, liebe Selfmade-Baits Leser, ihr werdet sagen„ja spinnt denn der?“. 22 Stunden ohne Biss sind doch nicht ungewöhnlich. Ist es an vielen Gewässern auch nicht. Bei Temperaturstürzen reagiert mein Hausgewässer ähnlich, und dann sitzt man schon mal eine Session ohne Biss. Ein Tag mitten in der Session mit kaltem Regen und sinkenden Temperaturen, und was gut begann endet mit einer hartnäckigen Beissflaute. Aber, wie gesagt, die Bedingungen waren top. Gut, Taktikwechsel. PVA Bags, sorgsam mit gecrushten Boilies, SI Powder und einem guten Schuss SI Liquid, und KEIN Futter mehr.
 
 
Offenbar war das nun endlich die richtige Taktik, denn um 16:30 ging die 12 m Rute und brachte mir einen 25er Schuppi. Keine 2 Stunden später folgte ein kräftiger 34er Spiegler, dem um halb zehn ein Aussteiger folgte.
 
 
Um 4 Uhr nachts weckte mich einer aus dem Nachwuchs mit 14 Pfund. Um sieben Uhr der nächste, ein Spiegler mit 23 Pfund, dem um 11 Uhr, schon fast beim Einpacken, ein gleich schwerer Schuppi folgte.
 
 
Vielleicht lag es auch gar nicht an der Taktik, dass es auf einmal lief. Vielleicht waren die Fische einfach vorher nicht im Platze, vielleicht lag es daran, dass Sonntagnachmittag, als sich die Situation langsam besserte, die Bivvies weniger wurden. Oder am Luftdruck, der sich ab Sonntag stabilisierte? Ich weiß es nicht. Macht auch nichts, denn solche Situationen sind es, die einen zum Nachdenken, Rumexperimentieren, und anglerisch weiter bringen. Aber letztlich bleibt alles nur Spekulation. Und das ist gut so. Denn dieses ewige Geheimnis ist der spirit des Karpfenangelns.
Tight Lines!
Anton